Zeit sparen, Kosten senken: Warum MOST der Schlüssel zur effizienten Produktentwicklung ist

Seriennahe Lösungen auf Basis bestehender Plattformen gelten als Schlüssel für kürzere Entwicklungszeiten und geringere Risiken. Mit MOST (Modified Standard Products) lassen sich bewährte Standardprodukte gezielt an Kundenanforderungen anpassen – vorausgesetzt, Standard und Modifikation werden klar voneinander getrennt bewertet.
Im folgenden Experteninterview erläutern wir, welche Teile von MOST als erprobt gelten, wo trotz Plattformansatz neuer Bewertungsaufwand entsteht und worauf Entwickler bei Planung, Schnittstellen, Tests, Zertifizierung und Kosten besonders achten sollten.
Wenn Sie MOST in einem Satz erklären müssten: welcher Teil der Lösung ist „Standard“ und welcher wird typischerweise modifiziert?
MOST steht für Modified Standard Products. Die technische Basis bilden bewährte, serienerprobte Standardplattformen. Diese dienen als stabile Ausgangslösung und werden gezielt in den Bereichen, in denen spezifische Kundenanforderungen Anpassungen verlangen, modifiziert.
Konkret heißt das: Vorhandene Plattformen oder CPU‑basierte Systeme werden nicht neu entwickelt, sondern bewusst weiterverwendet. Anpassungen erfolgen beispielsweise beim Speicherausbau, der Schnittstellenkonfiguration, bei mechanischen Aspekten, dem Softwareumfang oder dem Zertifizierungs‑ und Zulassungsrahmen. Ziel ist es, nur die Teile zu verändern, die wirklich einen Mehrwert für die Anwendung bieten.
Solche Modifikationen können unterschiedliche Ursachen haben, wie beispielsweise funktionale Erweiterungen oder Reduktionen, Optimierungen hinsichtlich Kosten oder Lieferfähigkeit sowie eine wirtschaftliche Auslegung für die Fertigung großer Stückzahlen. Der Kern des Produkts bleibt dabei bewusst stabil, um Entwicklungs‑, Test‑ und Industrialisierungsaufwände gering zu halten.
Welche Informationen sind aus Ihrer Sicht entscheidend, um eine realistische Zeit‑ und Projektplanung aufzusetzen?
Ausgangspunkt ist immer eine möglichst klare Produktspezifikation. Diese beinhaltet einen definierten Funktionsumfang, das Erkennen der technischen Herausforderungen sowie eine realistische Einschätzung der Komplexität des Projekts.
Ebenso entscheidend sind Informationen zur späteren Betriebsumgebung. Temperaturbereiche, mechanische Belastungen oder EMV‑Anforderungen wirken sich direkt auf Bauteilauswahl, Layout, Teststrategie und Validierungsaufwand aus. Diese Einflussfaktoren sollten zum Projektstart bekannt sein, um spätere Anpassungen zu vermeiden.
Ein weiterer zentraler Aspekt sind Normen und regulatorische Vorgaben. Sie bestimmen nicht nur die Entwicklung, sondern ebenso Prüfprozesse, Dokumentationen und mögliche Zulassungsverfahren. Zusätzlich sollten diese Informationen um Zielstückzahlen, Kostenziele und klare Meilensteine ergänzt werden, da sie Entwicklung, Fertigungsstrategie und Industrialisierung maßgeblich beeinflussen.
Wo entstehen bei MOST die größten Effizienzsteigerungen? Welche Entwicklungs- und Verifikationsschritte können Sie durch vorhandene Plattform oder Bestandteile beschleunigen oder teilweise vermeiden?
Die größten Zeitvorteile ergeben sich durch die konsequente Wiederverwendung bereits erprobter Funktionsgruppen. Statt jedes Projekt von Grund auf neu aufzusetzen, greifen wir auf bekannte Module, validierte Hardwarekonzepte und etablierte Plattformarchitekturen zurück.
Ein weiterer Zeitgewinn entsteht durch vorhandene Entwicklungs‑ und Produktionsprozesse. Prüfumgebungen, Fertigungshilfsmittel und interne Abläufe sind bereits etabliert, sodass viele Arbeitsschritte parallelisiert, deutlich beschleunigt werden oder ganz entfallen können.
Auch auf der Produktionsseite zahlt sich dieser Plattformansatz aus. Prüfmittel müssen oft nicht neu entwickelt und aufgebaut werden, da bestehende Konzepte übernommen oder lediglich angepasst werden können. Zudem entfällt ein Großteil des klassischen Produktions‑Briefings, da Produkt und Technologie bereits bekannt sind. Insgesamt ermöglicht MOST somit eine deutlich verkürzte Time-to-Market bei gleichzeitig hoher Prozesssicherheit.
Seriennah heißt nicht serienfertig. Welche Teile von MOST sind bereits erprobt? Und welche Komponenten sollte man als Entwickler kritisch hinterfragen?
MOST basiert auf dem Prinzip, Bewährtes gezielt weiterzuverwenden. Ein MOST-Projekt verstehen wir nicht als komplette Neuentwicklung, sondern als eine Kombination einzelner funktionaler Bausteine. Diese sind für sich genommen bereits erprobt und funktionssicher. Je mehr dieser Bausteine im Zielsystem verwendet werden, desto weniger Aufwand muss für Entwicklung, Tests und die Industrialisierung betrieben werden.
Unterstützt wird dieses Vorgehen durch den Einsatz integrierter Module wie beispielsweise Systems-on-Module (SoMs). Bewährte CPU-Module bringen bereits einen hohen Reifegrad mit und verkürzen Entwicklungszeiten deutlich.
Als erprobt gelten bei MOST typischerweise:
eine hohe Funktionssicherheit durch bereits eingesetzte Ausgangsprodukte,
vorqualifizierte bzw. geprüfte EMV-Eigenschaften auf Modul- oder Plattformebene,
langfristig verfügbare, seriennahe CPU-, Modul- und Board-Plattformen, SoMs und Evaluierungsboards.
Entwicklungsaufwand entsteht immer dann, wenn kundenspezifische Anforderungen den vorhandenen Funktionsumfang überschreiten. Dies ist beispielsweise bei besonderen Umgebungsbedingungen, speziellen Schnittstellenkonfigurationen, thermischen Randbedingungen oder komplexen Systemintegrationsaspekten der Fall.
MOST ersetzt damit keine technische Prüfung, sondern reduziert sie gezielt: Bewährte Funktionen werden übernommen, projektspezifische Abweichungen bewusst identifiziert, neu bewertet und transparent adressiert.

Wie gehen Sie mit Änderungen an Schnittstellen um, und in welchen Bereichen können bereits kleine Änderungen große Auswirkungen nach sich ziehen?
MOST profitiert von einem breiten Fundus erprobter Schnittstellen, von klassischen I/O‑Signalen über Feldbus‑ und Kommunikationsschnittstellen bis hin zu Wireless‑Technologien, Displays und Touch‑Anbindungen. Viele dieser Funktionen lassen sich direkt übernehmen oder mit überschaubarem Aufwand anpassen.
Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass scheinbar kleine Änderungen große Auswirkungen haben können. Ein Wechsel des Protokolls oder eine Änderung am Pinout kann zusätzliche Tests, erneute Verifikationen oder EMV‑Prüfungen erforderlich machen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die betroffenen Baugruppen bereits validiert waren. Der entscheidende Faktor ist daher der Zeitpunkt: Werden Schnittstellen früh festgelegt und sauber abgesichert, lassen sich Anpassungen meist mit geringem Aufwand integrieren.
Thema Teststrategie: Welche Tests können weiterhin verwendet werden und für welche ist eine Neugestaltung bei Änderungen erforderlich?
Die Teststrategie im MOST‑Projekt basiert stark auf Wiederverwendung. Viele Entwicklungs‑ und Verifikationstests können direkt übernommen werden, da vorhandene Prüfgeräte, Adapter und Testkonzepte genutzt werden. So lassen sich Aufwände in der frühen Projektphase deutlich reduzieren.
MOST-Projekte profitieren auch auf regulatorischer Ebene von bewährten Strukturen. EMV-Vorprüfungen, Qualifizierungen oder Zertifizierungen, die bereits für Vorgängerprodukte durchgeführt wurden, lassen sich oftmals übernehmen. Neue oder angepasste Tests werden dort notwendig, wo Modifikationen dies technisch erfordern, etwa bei neuen Komponenten oder geänderten Messparametern. Dabei steht das Ziel im Vordergrund, eine ausgewogene Balance zwischen Testtiefe, Aufwand und praxisnaher Serienumsetzung zu erreichen.
Thema Zertifizierungen & Regelwerke: Welche Compliance‑Anforderungen beeinflussen den MOST‑Projektumfang besonders? Wie vermeiden Sie unbeabsichtigte Zulassungsfolgen bei Modifikationen?
Zertifizierungen sowie regulatorische Vorgaben gewinnen in der Produktentwicklung zunehmend an Bedeutung und beanspruchen einen immer größeren Teil des Gesamtaufwands. Dadurch nehmen sie maßgeblichen Einfluss auf den Umfang und die Gestaltung von MOST‑Projekten.
Typische Compliance‑Themen sind unter anderem EMV‑, RED‑ und CE‑Anforderungen sowie branchenspezifische Regelwerke wie MDR oder ATEX. Zusätzlich gewinnt Cybersecurity zunehmend an Bedeutung - etwa im Kontext von NIS2 oder durch Betriebssystem‑ und Sicherheitskonzepte wie KontronOS oder AI‑Shield.
Ein zentraler Vorteil des MOST‑Ansatzes liegt darin, dass bestehende Zertifizierungen weitgehend übertragen werden können, sofern das Kundenprodukt technisch und konstruktiv nahe am Ausgangsprodukt bleibt. Dabei spielen nicht nur die Gerätefunktionen eine Rolle, sondern ebenso Aspekte wie Geometrie, Aufbau und die Integration einzelner Komponenten.
Unser Anspruch ist daher, Produkte von Anfang an zertifizierungsfähig auszulegen. Das bedeutet, dass wir uns bereits in der Spezifikations‑ und Konzeptphase intensiv mit relevanten Zertifizierungsanforderungen befassen, um notwendige Modifikationen frühzeitig zu erkennen und möglichst klein zu halten.
Durch diese frühe Bewertung schaffen wir Transparenz, reduzieren regulatorische Risiken und stellen sicher, dass Anpassungen keine unerwarteten oder zusätzlichen Zulassungsverfahren nach sich ziehen.
Wie halten Sie Kostenziele ein? Welche Designentscheidungen haben dabei den größten Einfluss?
Um die Serienkosten zu optimieren, setzen wir in MOST‑Projekten konsequent auf gezielte Reduktion und Wiederverwendung. Ein erster Schritt besteht darin, überflüssige Eigenschaften des Standardprodukts zu entfernen. Funktionen, die für die jeweilige Anwendung keinen Mehrwert bringen, erhöhen unnötig die Bill of Materials (BOM) ‑Kosten und den Validierungsaufwand.
Gleichzeitig nutzen wir - sofern möglich - vorhandene Schaltungsteile, identische Bauteile und gleiche Footprints. Diese Designentscheidung wirkt sich gleich mehrfach positiv aus: Sie reduziert den Entwicklungsaufwand, vereinfacht die Industrialisierung, da sich bewährte Komponenten und Layouts erneut einsetzen lassen.
Ein wesentlicher Kostenvorteil entsteht zudem durch den kumulierten Einkauf. Da viele Bauteile identisch oder sehr ähnlich zum Standardprodukt sind, profitieren MOST‑Projekte von bestehenden Lieferketten, Volumeneffekten und stabilen Beschaffungsprozessen. Das reduziert Risiken in der Lieferfähigkeit und wirkt sich direkt auf die Stückkosten aus. Insgesamt trägt dieser Ansatz dazu bei, die Serienkosten zu optimieren und ermöglicht dadurch einen schnelleren Return on Investment.
Wenn Sie einem Entwicklerteam einen Tipp geben müssten: Welche Aspekte sollten Kunden unbedingt vor Beginn eines Projekts klar definieren, um Nacharbeiten zu vermeiden?
Der wichtigste Punkt ist, bereits vor dem Projektstart möglichst klare und vollständige Anforderungen an das Produkt (Lastenheft) bereitzustellen. Eine klar definierte Anforderungsliste bildet die Grundlage für eine effiziente Entwicklung: Je eindeutiger Use‑Cases, Schnittstellen und Zielsetzungen definiert sind, desto geringer ist das Risiko späterer Fehlinterpretationen.
Darauf aufbauend wird die technische Spezifikation gemeinsam mit dem Entwicklungsteam erarbeitet. Dadurch wird gewährleistet, dass alle Beteiligten dasselbe Verständnis haben und offene Fragen frühzeitig adressiert werden können.
Ziel ist Entscheidungssicherheit vor Projektbeginn. Je mehr technische und konzeptionelle Festlegungen im Vorfeld getroffen werden, desto schneller und zielgerichteter lässt sich das Produkt entwickeln oder modifizieren. Spät erkannte Anforderungen führen erfahrungsgemäß zu unnötigem Rework – durch saubere Vorarbeit lassen sich solche Überraschungen vermeiden.
Titelbild: Erstellt mit Adobe Firefly (KI-generiert)